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Titel: switch it 06 (2017), Format: 50 x 70 cm,
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Titel: switch it 04 (2017), Format: 50 x 70 cm,
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Titel: switch it 02 (2017), Format: 50 x 70 cm,
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Titel: switch it 08 (2017), Format: 50 x 70 cm,
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Titel: switch it 07 (2017), Format: 50 x 70 cm,
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Titel: switch it 01 (2017), Format: 50 x 70 cm,

Fotografikserie: Switch it

Fotografie ist auf ein Versprechen von Wahrheit ausgelegt – auch wenn wir wissen, dass das
trügerisch ist. Als sie sich im 19. Jahrhundert als neues Medium etabliert, stellt sie die erste und einzige Möglichkeit dar, die Wirklichkeit authentisch abzubilden, d.h. quasi automatisch aus sich selbst heraus zu reproduzieren. Trotz der analogen und digitalen Eingriffe, die unsere heutige Wahrnehmung von Fotografie relativieren, hält sich dieser Mythos nach wie vor und prägt das Denken und Reden darüber. Der Zauber des Echten, der dieser Technik innewohnt, ist und bleibt ein Charakteristikum, das von Fotografen und Theoretikern immer wieder aufgegriffen wird – nicht zuletzt aufgrund des emotionalen Faktors, mit dem die fotografische Wahrheit an das Bildgedächtnis des Betrachters appelliert. Das Wiederentdecken, Wiedererkennen, Wiedererleben und Wiedererfühlen des Gesehenen spricht ihm die Kompetenz zu, den Bildern Bedeutung zu geben. Um so mehr irritiert es, wenn diese Fähigkeit in Abrede gestellt wird – wie bei den Arbeiten von  Markus Zender.

Bei seiner jüngsten Serie Switch it kann man den eigenen Augen in mehrfacher Hinsicht nicht trauen.
Ein motivischer Anhaltspunkt ist bei den abstrakten Gefügen aus farbigen Schollen schwer auszumachen: Sie könnten die topografische Ansicht eines Geländes zeigen; spektakuläre Naturaufnahmen von zerklüfteten Landschaften, wie man sie als Satellitenbilder aus entlegenen Gegenden der Erde kennt; chromatisch durchäderte Mineralien mit Moosen und Flechten; oder Vergrößerungen aus dem Reich der Schimmel, Zellen und Bakterien. Ohne den Hinweis eines Maßstabs lassen die Bildausschnitte den Betrachter im Unklaren, wo zwischen Mikro und Makro das Dargestellte anzusiedeln ist. Auch die Perspektive ist verunklärt. Das Bild erscheint als Profil aus Wölbungen und Ausstülpungen oder Relief aus Kratern und Erosionen. Die polyfokale Verteilung von Überlagerungen und Verdichtungen lässt den Bildraum wie ein Vexierbild kippen – Hollow-Face-Effekt ist ein Begriff, den Markus Zender für diese Mehransichtigkeit aus der Wahrnehmungspsychologie entlehnt.
Selbst die Suche nach einem Ordnungsprinzip führt ins Leere. Die Parameter, nach denen sich die Strukturen auf der Fläche organisieren, scheinen mehr dem Zufall als einer bewussten Gestaltung zu folgen. Sie sind jedoch bewusst nach Kriterien der Wahrnehmungspsychologie gewählt. Nur diese Vorgehensweise sorgt dafür, das die Tiefenwahrnehmung der Fotografiken ihre Eigendynamik entwickelt und vom Betrachter nicht willentlich beeinflusst werden kann. Eine Tatsache die in unserer von ratiolalem Verhalten und Denken geprägten Zeit zu einem Gefühl der Machtlosigkeit führt und zugleich zum Spiel mit den Bildräumen auffordert. Wo der Betrachter an die Grenzen seiner kognitiven und physiologisch-psychischen Wahrnehmungsfähigkeit kommt, wo der Wiedererkennungswert der Fotografie ausgehebelt ist, wird die Ästhetik auf eine substantielle Auseinandersetzung mit den formalen Gegebenheiten zurückgeworfen. Formen, Farben und Texturen selbst werden zur zentralen Bildinformation. Bei den Arbeiten von Markus Zender lassen diese eine Komposition von komplexer, gestalterischer Qualität entstehen, die auch ohne Narrativ reich an Entdeckungen ist. Die Fotografiken – so die Bezeichnung für dieses künstlerische Genre der Fotografie, das den Bildgegenstand zugunsten der Bildelemente in den Hintergrund rückt – ähneln hierin den früheren Collagen und bildhauerischen Arbeiten des Künstlers.
Dieser essentielle Ansatz funktioniert auch ohne das Wissen um das ursprüngliche Bildmotiv. Im Unterschied zu Zenders grafischem und plastischem Werk ist es aber gerade die Dialektik von Objekt und Verfremdung, die seinen Fotografien einen zusätzlichen Reiz verleiht.
Erfährt man, dass es sich hier um Detailaufnahmen verwitterter Graffitis handelt, setzt ein semantischer Aha-Effekt ein: Schlagwörter wie Verfall und Konservierung, Fundstück und Autorschaft, Auflösung und Aufwertung laden zu einem gedanklichen Zapping ein. Das Switchen – das Umschalten, wie Markus Zender seine Serie betitelt – beinhaltet somit
nicht nur das formale Spiel mit dem Bildraum, sondern auch den Aufruf, mit anderen Augen auf Bekanntes zu blicken und die Wahrheiten der Fotografie neu zu interpretieren.
Alexandra Orth(MA)

Series of photographs: Switch it Photography is designed to make a promise of truth – even when we know it is is deceptive. When it established itself as a new medium in the 19th century, it represented the first and only possibility to authentically depict reality, i.e. to reproduce it almost automatically from within. Despite the analog and digital interventions that relativize our current perception of photography, this myth persists and shapes the way we think and talk about it. The magic of the real that is inherent in this technology is and remains a characteristic that is repeatedly taken up by photographers and theorists – not least because of the emotional factor with which the photographic truth appeals to the visual memory of the viewer. Rediscovering, recognizing, reliving and re-feeling what has been seen gives him the competence to give meaning to the images. It is all the more irritating when this ability is denied – as in the work of Markus Zender. In his latest series, Switch it, you can’t believe your own eyes in several ways. A motivic clue is difficult to make out in the abstract structures of colored clods: They could show the topographical view of a terrain; spectacular nature shots of rugged landscapes, as we know them as satellite images from remote areas of the earth; chromatically veined minerals with moss and lichen; or enlargements from the kingdom of mold, cells and bacteria. Without reference to a scale, the image details leave the viewer in the dark, where between micro and macro what is represented is to be located. The perspective is also confused. The image appears as a profile of bulges and protuberances or a relief of craters and erosions. The polyfocal distribution of superimpositions and condensation causes the image space to tilt like a picture puzzle – the hollow face effect is a term that Markus Zender borrows from perceptual psychology for this multiple perspective. Even the search for a principle of order leads nowhere. The parameters according to which the structures on the surface are organized seem to be more of a coincidence than a deliberate design. However, they are deliberately chosen according to the criteria of perceptual psychology. This is the only way to ensure that the depth perception of the photographs develops its own dynamic and that the viewer cannot deliberately influence it. A fact that in our time characterized by rational behavior and thinking leads to a feeling of powerlessness and at the same time invites you to play with the pictorial spaces. Where the viewer reaches the limits of his cognitive and physiological-psychological perception, where the recognition value of photography is undermined, the aesthetic is thrown back on a substantial examination of the formal conditions. Shapes, colors and textures themselves become the central image information. In Markus Zender’s work, these create a composition of complex, creative quality that is rich in discoveries even without a narrative. The photography – the name for this artistic genre of photography, which moves the subject in the background in favor of the image elements – resemble the artist’s earlier collages and sculptural works. This essential approach works even without knowing the original motif. In contrast to Zender’s graphic and sculptural work, it is precisely the dialectic of object and alienation that gives his photographs an additional charm. If one learns that these are detailed shots of weathered graffiti, a semantic aha-effect sets in: Keywords such as decay and conservation, found item and authorship, dissolution and upgrading invite you to mentally zapping. Switching, as Markus Zender calls his series, thus includes not only the formal play with the pictorial space, but also the call to look at familiar things with different eyes and to reinterpret the truths of photography.

Alexandra Orth (MA)